Die Sprache, das Gericht und Interpretationen (Thema: Der Prozess)

Informationen zur Sprache und zur Bedeutung des Gerichts in "Der Prozess" von Franz Kafka, sowie Interpretationen zum Werk

1. Sprache


Wie üblich bei Kafka ist die Sprache sehr schlicht gehalten. Sie kommt weitestgehend ohne komplizierte Satzkonstruktionen und ohne kaum bekannte Fremdwörter aus.
Auffällig ist besonders die distanziert-sachliche Beschreibung. Selbst in den absurdesten Szenen bleibt der Erzähler absolut nüchtern und wird nicht ausschweifend.


2. Das Gericht


Das Gericht bleibt weitestgehend undurchsichtig und verwirrend. Die Mitglieder sind unbekannt bzw. anonym, wenngleich aber irgendwie alle Bekannten von Josef K. jemanden beim Gericht kennen wollen. Man bekommt im Laufe der Zeit den Eindruck, dass beim Gericht vor allem Kontakte zählen, nicht Beweise oder auch nur Hinweise. Ohnehin ist es schwierig, Beweise für oder gegen eine Schuld vorzubringen, wenn man gar nicht weiß, was einem überhaupt vorgeworfen wird. Wie der Maler Titorelli erläutert, hat man auch kaum noch eine Chance auf einen Freispruch, wenn das Gericht erst einmal von der Schuld des Angeklagten überzeugt ist. Gegenbeweise sind dann also offenbar nicht mehr wichtig. Merkwürdigerweise sagt der Gefängniskaplan aber auch:
Zitat: Gefängniskaplan
Das Gericht will nichts von dir. Es nimmt dich auf, wenn du kommst und es entläßt dich, wenn du gehst.

Dieses Zitat geht eigentlich in genau die entgegengesetzte Richtung von dem, was der Maler gesagt hat und widerspricht auch völlig dem typischen Verständnis von einem Gericht und der Justiz im allgemeinen. Es liegt daher nahe, dass das Gericht eher eine Metapher für irgendetwas ist. Was genau dieses „etwas” ist, das weiß wohl nur Kafka (Infos zum Interpretationsproblem weiter unten). Allerdings ist es nicht unwahrscheinlich, dass das Gericht entweder für Kafkas autoritären Vater oder seine eigenen Schuldgefühle widerspiegelt.

Abgesehen davon scheint das Gericht in der Welt von Josef K. schier allgegenwärtig zu sein. Ständig stellt er fest, dass in den Gebäuden in denen er sich aufhält, auch das Gericht einige Räumlichkeiten besitzt. Diese befinden sich dabei stets im Dachboden. Ein Entkommen vor dem Gericht ist also nicht nur unmöglich, da es sich ohnehin in allen Gebäuden befindet. Es scheint durch die Dachposition auch symbolisch über den Dingen zu stehen, der höchste Punkt in der Hierarchie zu sein (statt einer Hierarchie-Pyramide stellt man sich einfach ein Hierarchie-Haus vor). Gleichzeitig verschwimmen die Grenzen zwischen „normaler” Welt und der Welt des Gerichts: Bei seiner ersten Vorladung hatte Josef K. seine liebe Mühe, das Gericht zu finden, da es nicht ausgeschildert war und nach außen hin wie eine normale Wohnung aussah. Auch den Prügler mit den Wachen in einer Rumpelkammer der Bank zu finden, widerspricht den Erwartungen an solch einen Bestrafungsort, genauso wie der Platz der Hinrichtung von Josef K., der ein einfacher Steinbruch ist.

Zusätzlich dazu wird das Gericht zumeist mit Schmutz und einer stickigen, unangenehmen Luft in Verbindung gebracht. Josef K. wird in der Nähe der Gerichtseinrichtungen stets Übel, einmal bricht er sogar zusammen.
Erwähnenswert ist weiterhin, dass Josef K. immer nur mit den untersten Ebenen des Gerichts in Kontakt kommt. Offenbar handelt es sich aber beim Justizsystem um eine riesige, undurchsichtige Hierarchie. Dadurch fühlt man sich wieder an die Türsteherlegende erinnert, in der nach der ersten Tür noch eine Unzahl von weiteren Türen folgen sollen – und bereits an der ersten scheitert die Hauptperson.


3. Interpretation

Teilweise auch: Analyse, Erörterung

3.1. Einleitung


„Der Prozess” ist schwierig zu interpretieren. Die Geschichte ist ziemlich absurd gehalten und an vielen Stellen verschwimmt die Grenze zwischen Realität und Fiktion. Man kann nicht ausmachen, ob nur Teile oder doch alles metaphorisch gemeint ist. Passieren die Geschehnisse wirklich, oder stellen sie nur einen Traum von Josef K. dar (immerhin beginnt das Buch im Bett)? Man weiß noch nicht einmal, ob die Beschreibungen überhaupt korrekt sind. Schließlich wird alles aus der Perspektive von Josef K. geschildert – und die Perspektive eines einzelnen Menschen ist immer eingeschränkt. Zum Beispiel könnte man das ausgeprägte Sexualverhalten der Leute hinterfragen: Hat Josef K. wirklich so häufig körperlichen Kontakt, oder bildet er sich dies nur ein? Erträumt er es vielleicht nur, oder erfindet er es für den Leser? Falls es wirklich stattfindet: Hat es eine metaphorische Bedeutung, oder ist es nur Zufall? Falls es eine metaphorische Bedeutung hat, dann welche (spätestens hier hätte man praktisch freie Auswahl in der Interpretation)?

Es gibt einfach keine Anhaltspunkte an denen man „starten” kann. Dementsprechend haben sich im Laufe der Zeit auch eine Unzahl von möglichen Interpretationen für „Der Prozess” entwickelt. Man teilt diese grob in sechs Kategorien ein:
  • Politische Interpretationen
  • Philosophische Interpretationen
  • Religiöse Interpretationen
  • Juristische Interpretationen
  • Psychologische Interpretationen
  • Autobiographische Interpretationen


3.2. Politische Interpretationen


Die Allgegenwärtigkeit des Gerichts, die haltlosen Vorwürfe, die völlige Hilflosigkeit der Angeklagten und die Bürokratisierung von Folter (Prügelszene) und Mord (Exekution) erinnern stark an die späteren diktatorische Systeme der Kommunisten und Faschisten. Es handelt sich also sozusagen um eine Horrorvision, eine Dystopie (Gegenteil von Utopie).


3.3. Philosophische Interpretationen


Josef K. repräsentiert einen typischen Bürger, der irgendwie in dieser Welt großgeworden ist, in der er aber keinen Sinn findet, obwohl er intensiv nach diesem sucht. Die Suche nach dem Sinn ist auch vergebens, da es einfach keinen gibt – ein Umstand, der schwer zu akzeptieren ist. Diese Interpretation ähnelt dementsprechend dem Nihilismus, der ebenfalls die Existenz eines Lebenssinnes verneint. Jean-Paul Sartre war Anhänger dieser Theorie.


3.4. Religiöse Interpretationen


Der Weg Josef K.s erinnert etwas an eine Gottsuche, der Suche nach einer übergeordneten Instanz und an den Versuch, dieses Übergeordnete zu verstehen. Ähnlich wie der Weg von Jesus, so endet auch der Weg von Josef K. geradezu zwangsweise im Tod, obwohl dieser hätte verhindert werden können. Dafür hätte er aber ein Geständnis ablegen müssen, wie es Leni sagt, was für Josef anscheinend nicht in Frage kommt. Lieber akzeptiert er seinen Tod, als ein falsches Geständnis abzugeben.


3.5. Juristische Interpretation


Franz Kafka könnte mit seinem Werk auch auf bekannte Probleme in der Juristik hindeuten, z.B. dass der Angeklagte unter bestimmten Umständen nicht die Akteneinsicht bekommt, die er eigentlich bräuchte, um sich zu verteidigen.


3.6. Psychologische Interpretationen


Das Werk stellt (möglicherweise) einen versteckten Vater-Sohn-Konflikt dar. Gut erkennbar ist dies am toten Vater und dem zerrütteten Verhältnis zur Familie. Auch das selbstzerstörerische Verhalten würde hier passen, es wäre das vom Sohn unterbewusst aufgenommene Bestrafungsverhalten des Vaters.
Dazu passt, dass Kafka als eigenständiges Werk einen langen Brief an seinen Vater geschrieben hat, der als Anklageschrift formuliert wurde. Daraus lautet ein prägnanter Auszug:
Zitat: Brief
Direkt erinnere ich mich nur an einen Vorfall aus den ersten Jahren, Du erinnerst Dich vielleicht auch daran. Ich winselte einmal in der Nacht immerfort um Wasser, gewiß nicht aus Durst, sondern wahrscheinlich teils um zu ärgern, teils um mich zu unterhalten. Nachdem einige starke Drohungen nicht geholfen hatten, nahmst Du mich aus dem Bett, trugst mich auf die Pawlatsche [=Balkon] und ließest mich dort allein vor der geschlossenen Tür ein Weilchen im Hemd stehn. Ich will nicht sagen, daß das unrichtig war, vielleicht war damals die Nachtruhe auf andere Weise wirklich nicht zu verschaffen, ich will aber damit Deine Erziehungsmittel und ihre Wirkung auf mich charakterisieren. Ich war damals nachher wohl schon folgsam, aber ich hatte einen innern Schaden davon. Das für mich Selbstverständliche des sinnlosen Ums-Wasser-bittens und das außerordentlich Schreckliche des Hinausgetragenwerdens konnte ich meiner Natur nach niemals in die richtige Verbindung bringen. Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden Vorstellung, daß der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf die Pawlatsche tragen konnte und daß ich also ein solches Nichts für ihn war.
Für die Theorie des Vater-Sohn-Konfliktes spricht zusätzlich, dass Kafka selbst das Werk nie veröffentlicht hat. Er bat sogar einen Freund darum, die Materialien nach seinem Tod zu vernichten. Dies deutet auf eine starke persönliche Verbindung zu dem Werk hin – literarisch ist schließlich nichts daran auszusetzen, außer dass er es nie ganz fertig geschrieben hat.
Auch der Brief, der oben zitiert wurde, gehört zu den Materialien, die Kafka selbst nicht veröffentlicht hat.
In diesem Kontext könnte man das Gericht bzw. den Prozess als die unfairen und undurchsichtigen Bestrafungen durch seinen Vater interpretieren. Diese konnten jederzeit und ohne wirkliche Begründung kommen. Kafka hat sich allerdings nie komplett gefügt (also kein „Geständnis” abgelegt), sondern galt in der Familie immer als schwer erziebahrer Sohn.


3.7. Autobiographische Interpretationen


Diese Interpretation ist sehr ähnlich zur psychologischen und hat die vielen Verbindungen zwischen Josef K. und Franz Kafka als Kernelement (Name, Alter, Beziehung zur Familie, etc.). „Der Prozess” stellt demnach letztlich ein weitestgehend autobiographisches Werk dar. Da auch in Kafkas Leben der Vater-Sohn-Konflikt eine wichtige Rolle gespielt hat, gilt alles was unter „psychologische Interpretation” erwähnt wurde auch hier.

Kommentare (17)

Von neu nach alt
moin
ArnoNuehm (Gast) #
KK
Ich aus der zukunft (Gast) #
K:
Ich aus der zukunft (Gast) #
K,
Ich aus der zukunft (Gast) #
K?
Ich aus der zukunft (Gast) #
K!
Ich aus der zukunft (Gast) #
K.
Ich aus der zukunft (Gast) #
K
Ich aus der zukunft (Gast) #
Danke
Moritz (Gast) #
hilft nur teilweise,trotzdem danke
Philipyaaani (Gast) #